Komma – das leidige Thema mit dem (erweiterten) Infinitiv

Es gibt wahrscheinlich kaum ein Thema in der Grammatik, das so viele Schwierigkeiten bereitet wie die Kommasetzung. Das meine ich im Allgemeinen, aber auch im Speziellen beim Infinitiv. Natürlich gibt es offizielle Rechtschreibregeln, die jedoch besonders seit den letzten Reformen viel Spielraum für eigene Entscheidungen und kontroverse Diskussionen lassen. Das komplette Thema „Kommaregeln“ in einem Artikel zu behandeln, wäre zu umfangreich, daher möchte ich mich hier auf den Infinitiv konzentrieren (§75 der offiziellen Regeln).

Vorweg noch eine Anmerkung: Die Regeln sprechen von einer Infinitivgruppe, nicht vom erweiterten Infinitiv. Das heißt aber nichts anderes, als dass der Infinitiv (z. B. zu gehen, zuzuschließen, abzuhauen etc.) noch um mindestens ein weiteres Wort ergänzt ist. Statt des „einfachen Infinitivs“ bzw. „nicht erweiterten Infinitivs“ sprechen die Regeln vom „bloßen Infinitiv“.

Im Grunde gibt es nur drei Regeln in diesem Paragrafen.

Regel 1: Komma bei Einleitungen durch spezielle Wörter

Wird der Infinitiv mit einem der Wörter um, ohne, statt, anstatt, außer, als eingeleitet, kommt ein Komma.

Er war gekommen, um die Pyramiden zu sehen.

Statt nach Hause zu gehen, blieb sie noch eine Weile.

Jule lief, ohne sich noch einmal umzudrehen, die Straße entlang.

Regel 2: Komma beim Infinitiv, der von einem Substantiv abhängt

Diese Regel ist schon etwas weniger selbsterklärend. Vermutlich ist es einfacher, sie anhand von Beispielen zu verdeutlichen.

Er fasste den Plan, schnell zu verschwinden.

In diesem  Fall bezieht sich der Infinitiv (zu verschwinden) zusammen mit seiner Erweiterung (schnell) auf den Plan.

Er plante, schnell zu verschwinden.

Und schon sind wir an einem Punkt angekommen, wo es komplizierter wird. Eigentlich könnte das Komma nach der Regel hier wegfallen, da es kein Substantiv mehr gibt, auf das sich der Infinitiv bezieht, doch dies ist nur der Fall, wenn hierdurch kein Missverständnis entstehen kann.

Er plante schnell zu verschwinden.

Das Setzen des Kommas entscheidet in diesem Fall also, ob er nun „schnell den Plan fasst“ oder „schnell verschwinden“ möchte.

Regel 3: Komma bei Verweiswörtern

Beginnen wir direkt mit den Beispielen.

Markus hasste es, das Gemüse zu essen.

In die Schule zu gehen, das liebte er.

Peter hatte nicht damit gerechnet, sie noch einmal wiederzusehen, und war überglücklich.

Damit, sie noch einmal wiederzusehen, hatte Peter nicht gerechnet.

Die Regel ist relativ selbsterklärend. Die für die Regel verantwortlichen Wörter habe ich fett markiert.

Keine (Komma-)Regel ohne Ausnahmen und Freiheiten

Im Regelsatz wird explizit darauf hingewiesen, dass das Komma in Regel 2 und 3 wegfallen kann, wenn es sich um einen einfachen (bloßen) Infinitiv handelt.

Er fasste den Plan(,) zu verschwinden.

Peter hatte nicht damit gerechnet(,) zu versagen.

Anschließend gibt es noch eine weitere Ergänzung der Regeln, die für kontroverse Diskussionen und die unterschiedlichsten Interpretationen sorgt. Sie lautet in etwa so:

In den Fällen, die nicht durch Regel 1 bis 3 geregelt sind, kann ein Komma gesetzt werden, um die Gliederung deutlich zu machen bzw. um Missverständnisse auszuschließen.

Der zweite Teil (Missverständnisse) ist unproblematisch, ein Beispiel hierfür habe ich bereits in Regel 2 angeführt. Schwieriger ist der erste Teil der Ergänzung, denn von einigen wird die Meinung vertreten, dass es sich um keine separate Ausnahme handelt, sondern lediglich in Verbindung mit der Vermeidung von Missverständnissen zu sehen ist. Ich persönlich gehöre zu denjenigen, die hier eine Kannregel sehen, also die Aussage, dass es grundsätzlich gestattet ist, ein Komma zu setzen, um die Gliederung des Satzes (zum Beispiel eine empfohlene Atempause etc.) optisch zu verstärken.

Fazit und vereinfachte Regel

Für mich persönlich habe ich eine einfache Regel aufgestellt, die sich insbesondere nach der zuletzt genannten Ergänzung richtet. Ich trenne den erweiterten Infinitiv immer mit Komma ab, da es auch beim Lesen für mich angenehmer erscheint. Zusätzlich führt es zu einem einheitlichen Satzbild.

Er befürchtete zu sterben.

-> Kein Komma („zu sterben“ ist nicht erweitert)

Er befürchtete, qualvoll zu sterben.

-> Nach den Regeln kein Komma, da kein Missverständnis möglich ist (man kann nicht qualvoll befürchten). Allerdings finde ich es angenehmer, die Satzgliederung hervorzuheben und bediene mich in all diesen Fällen der Ergänzung, also der Kannregel.

Vorsicht, Falle!

Leider gibt es auch von dieser selbst auferlegten Regel eine Ausnahme (wäre ja sonst auch langweilig, nicht wahr?). Bei bestimmten Verben ist es nur anhand des Kontexts möglich zu entscheiden, ob ein Komma gesetzt werden kann oder nicht. Erneut einige Beispiele:

Er schien nicht bereit zu sein.

Sie hatte ihm zu gehorchen.

Klaus war absolut nicht zu bremsen.

Nach der Regel müsste es heißen „er schien, nicht bereit zu sein“ bzw. „sie hatte, ihm zu gehorchen“, doch es gibt einige Wörter, die eine Sonderstellung innehaben. Hierzu zählen unter anderem haben, sein, brauchen, pflegen, scheinen, verstehen, wissen, drohen (nur in bestimmter Bedeutung) und ein paar weitere. Ein Beispiel für die unterschiedliche Bedeutung von „drohen“:

Er drohte, sie umzubringen.

aber

Er drohte im Morast zu versinken.

Im ersten Beispiel ist „drohen“ im Sinne von „bedrohen“ verwendet, im zweiten im Sinne von „gefährdet sein“.

Noch ein Sonderfall (um zu)

Dieser Fall hat nur am Rande mit den Kommaregeln zu tun, dennoch möchte ich ihn an dieser Stelle erwähnen. Es gibt einen beliebten Fehler (den auch ich immer mal wieder mache): die falsche Verwendung von „um zu“.

Er war alt genug, um zu wissen, dass es keinen Sinn hatte.

Dieser Satz ist falsch. Richtig müsste es heißen:

Er war alt genug zu wissen, dass es keinen Sinn hatte.

„Um zu“ darf nur verwendet werden, wenn es einen Grund angibt, man also den Satz auch mit „damit“ kreieren könnte:

Er ging nach Hause, um zu essen.

Denn: Es wäre auch möglich zu schreiben „er ging nach Hause, damit er essen konnte“, nicht aber „er war alt genug, damit er rauchen konnte“.

 

Ich hoffe, dass ich dem ein oder anderen die Regeln etwas verdeutlichen konnte, und bin der Meinung, dass das Wichtigste ohnehin ist, eine konsequente Linie im Schreiben zu verfolgen. In diesem Sinne: fröhliches Komma-Jonglieren!

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