Tanni, die kleine Weihnachtstanne

Es war der zweite Advent. Auf den ersten Schnee des Jahres warteten die Menschen bislang vergeblich. Je näher es auf die Feiertage zuging, desto unwahrscheinlicher wurden weiße Weihnachten. In der Stadt öffneten in den vergangenen Tagen die zahllosen Verkaufsstände für Weihnachtsbäume. Auch auf dem Marktplatz standen, fein säuberlich aufgereiht, unzählige Bäume in verschiedenen Arten und Größen. Dort hatte Heinz Kiefer seinen Stand.

Zwischen den meist makellos gewachsenen Bäumen stand in einer Ecke eine unscheinbare Tanne. Sie war nicht die kleinste doch auch ganz sicher nicht die schönste. Ihre Äste waren nicht besonders dicht gewachsen, an vielen Stellen konnte man deutlich den Stamm erkennen. Während die meisten der Bäume am oberen Ende in einer geraden Spitze endeten, zierte ‚Tanni‘ ein kleiner Dreizack, der zu allem Überfluss noch eine deutliche Schieflage aufwies.

Tagein tagaus musste sich Tanni von ihren Verwandten abfällige Bemerkungen gefallen lassen. Jedes Mal, wenn eine von ihnen einen neuen Besitzer gefunden hatte, wurde Tanni trauriger und ließ ihre Zweige ein wenig mehr Richtung Boden hängen. Die Kaufinteressenten würdigten sie keines Blickes und wenn, dann hagelte es unschöne Kommentare. ‚Au wei, ist die hässlich.‘, ‚Wer stellt sich denn sowas auf?‘ oder ‚Was hat die denn hier zu suchen?‘ waren noch die harmlosen Äußerungen, die sich Tanni anhören musste.

Dann kam der Morgen des 24. Dezember. Die meisten Bäume aus Heinz’ Stand waren bereits verkauft und hatten einen Platz in den Wohnzimmern ihrer neuen Besitzer gefunden. Tanni stand noch immer in ihrer Ecke und ließ die Zweige hängen. Um drei Uhr begann Heinz damit, die verbliebenen Bäume wieder auf einen kleinen Anhänger zu laden. Vor Tanni blieb er stehen und sah sie an. „Ach, meine kleine. Es tut mir leid. Ich dachte, es findet sich jemand, der dich haben möchte.“ Er strich sanft über die grünen Zweige.

Plötzlich hörte Tanni hinter Heinz eine Stimme: „Entschuldigung?“
Heinz ging einen Schritt zur Seite und drehte sich um, so dass Tanni sehen konnte, woher die Stimme kam. Dort stand ein in Lumpen gekleideter Mann. Er hatte einen gebeugten Rücken, war unrasiert und sah aus, als hätte er schon länger kein ausgiebiges Bad mehr nehmen können.
„Hätten Sie vielleicht einen Baum übrig für unseren Obdachlosen-Treff? Ich habe leider nicht viel, das ich Ihnen zahlen kann. Fünf Euro haben wir zusammengelegt.“
Heinz sah den Mann mitleidig an. „Es tut mir leid, aber die Bäume gehören mir nicht. Ich kann Ihnen leider keinen davon geben.“
Als der Obdachlose sich enttäuscht umdrehte und gerade gehen wollte, fiel Heinz’ Blick auf Tanni. „Warten Sie! Wie wäre es mit dieser? Ich würde sie Ihnen schenken.“
Der Mann drehte sich um und sah Tanni an. Seine Augen begannen zu strahlen. „Wirklich?“, fragte er hoffnungsvoll. Heinz nickte.
Tanni glaubte, sich verhört zu haben, doch der Obdachlose schulterte die kleine Tanne freudestrahlend und trug sie ein paar hundert Meter zu einem Gebäude.

Im Innenraum saßen etwa zwanzig Frauen und Männer, jeder von Ihnen mit Kleidung, der man das Leben auf der Straße ansah. Der Mann stellte Tanni in einen kleinen Ständer mitten im Raum. „He! Schaut mal! Wir haben dieses Jahr einen echten Weihnachtsbaum. Helft ihr schmücken?“
Das ließen sich die anderen nicht zweimal sagen. Sie griffen sich den selbstgemachten Weihnachtsschmuck aus Materialresten und den ausgemusterten Baumschmuck, den ihnen die Menschen der Stadt gespendet hatten.

Tanni wusste nicht recht, wie ihr geschah, doch nur eine Stunde später war sie prächtig geschmückt. Sie war so glücklich, dass sie ihre Äste stolz erhob und sich kerzengerade aufrichtete. So kam es, dass Tanni viele Menschen glücklich machte und das schönste Weihnachtsfest erlebte, das man sich vorstellen konnte.

Jannes C. Cramer

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