Personenbeschreibung im Roman – oder: wie siehst du aus?

Während der Korrekturphase meines aktuellen Romans, ist mir (wieder einmal) etwas aufgefallen. Das, was ich beim Schreiben am schwersten finde, sind die Personenbeschreibungen. Das mag auf den ersten Blick vielleicht etwas seltsam klingen, aber lest selbst. Die folgenden Textausschnitte habe ich jetzt nur für diese Beispiele geschrieben, sie sind nicht Teil einer bestehenden Geschichte.

An der Straßenecke stand Paul. Er war 20 Jahre alt, etwa 1,90 m groß, sportlich, hatte blau-graue Augen und dunkelblonde Haare, die kurz geschnitten und verstrubbelt waren. Über der blauen Jeans trug er ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck ‚Sport ist Mord‘.

Sieht vielleicht beim ersten Lesen nicht so schlimm aus, aber für mich klingt es mehr wie eine Fahndungsmeldung. Also versuchen wir es noch einmal, diesmal etwas ausgeschmückter.

An der Straßenecke stand ein groß gewachsener junger Mann im Lichtkegel einer Straßenlaterne. Paul war 20 Jahre alt und man konnte ihn mit Recht als sportlich gebaut bezeichnen. Durch das eng anliegende weiße T-Shirt, das er zu verwaschenen Bluejeans trug, waren die Konturen eines durchtrainierten Oberkörpers zu erahnen. Ein, zweimal fuhr er sich mit der Hand durch die blonden verstrubbelten Haare, als würde er sich vor dem Spiegel für eine Verabredung zurechtmachen. Aufmerksam beobachteten Pauls blau-graue Augen die Umgebung.

Ich will es mal so sagen: Für mich wäre der zweite Text deutlich angenehmer zu lesen, allerdings ist er mir auch irgendwie schon wieder zu viel. In einige Geschichten oder Situationen würde solch eine Beschreibung bestimmt gut hineinpassen, aber allgemein bin ich kein großer Freund davon, solch offensichtlich beschreibende Textabschnitte zu konstruieren, schon gar nicht für jede Person, die in die Geschichte eingeführt wird. Wenn möglich, nutze ich viel lieber verteilt eingestreute Informationen. Hierbei stellt sich allerdings die Frage, wie spät im Buch eine Person vollständig beschrieben sein muss. Oder muss sie das vielleicht überhaupt nicht? Kann man es nicht auch bis zu einem gewissen Grad der Fantasie des Lesers überlassen, wie eine Person genau aussieht?

Ich werde nun versuchen, die Beschreibung von Paul in einen Textabschnitt einzubetten.

Katja lief die Straße entlang. Sie wollte auf keinen Fall zu spät zu ihrer Verabredung mit Paul erscheinen. Etwas außer Atem kam sie schließlich in der Luisenstraße an.
Dort stand er in Jeans und T-Shirt, lässig an eine Straßenlaterne gelehnt, und wartete bereits auf sie.
Als Paul seine Freundin bemerkte, ging er freudig auf sie zu und umarmte sie. Obwohl Katja nicht besonders klein war und sich auf die Zehenspitzen stellte, musste er sich für die Umarmung etwas zu ihr herunterbeugen.
„Da bist du ja endlich!“, sagte er mit einem Lächeln und seine blau-grauen Augen strahlten.
Katja genoss das Gefühl, von Pauls starken Armen gehalten zu werden. Bei ihm fühlte sie sich sicher. Seit sie sich vor vier Jahren während des Studiums kennengelernt hatten, waren die beiden fast unzertrennlich.

Man könnte an diesem Text mit Sicherheit noch einiges besser formulieren, doch zur Demonstration der Grundidee reicht es aus, denke ich. Wie man sieht, fehlt in diesem Abschnitt etwas an Information. Die Haarfarbe und Frisur von Paul wird nicht erwähnt, die Statur seines Körpers wird nicht explizit genannt, sondern nur angedeutet. Das Alter wird genauso wenig erwähnt, lediglich ein Hinweis, dass beide vor vier Jahren studiert haben, lässt ein ungefähres Alter erahnen.

Aber: Ist es wirklich wichtig, dass man diese Dinge genau vorgesetzt bekommt? Ein bisschen Fantasie hat doch eigentlich jeder und ein Buch unterscheidet sich doch gerade darin von einem Film, dass man die Bilder im Kopf entstehen lässt. Ist es schlimm, wenn ein Leser sich Paul blond vorstellt, ein anderer braunhaarig und ein dritter schwarzhaarig, so lange es für die Geschichte nicht essentiell wichtig ist?

Ein Problem könnte sich vielleicht ergeben, wenn der Autor sich später im Buch doch noch festlegt und – sagen wir auf Seite 200 – plötzlich davon schreibt, dass sich Katja darüber ärgert, ständig Pauls braune Haare aus dem Abfluss holen zu müssen. Hier müssen alle Leser, die sich ihn blond vorgestellt haben, ihr inneres Bild korrigieren. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass sich das schwierig gestalten kann 🙂

Ich finde beiläufig in die Geschichte eingebundene Personenbeschreibungen angenehmer, als komplette Abschnitte, die nur hierfür da sind. Aber das ist nur mein persönlicher Geschmack und lässt sich wohl auch nicht immer und überall sinnvoll anwenden.

Wie sieht es bei euch aus? Welche Beschreibungsarten lest ihr am liebsten oder – wenn ihr selbst Autor seid – wie macht ihr es?

12 Gedanken zu „Personenbeschreibung im Roman – oder: wie siehst du aus?

  1. Ich bevorzuge auch Beschreibungen dann, wenn sie passen.
    Da ich am Liebsten personell schreibe, ist für mich eigentlich nur die dritte Beschreibungsvariante überhaupt eine Option, denn schließlich kann niemand sich selbst so genau beschreiben. Es sei denn, man nutzt die Spiegelszene – was widerum als ausgelutscht und kitschig gilt, sodass man versuchen sollte, sie zu meiden.
    Es sei denn, man hat vor, den Spiegel nicht nur als „jetzt habe ich einen Vorwand, meinen Ich-Erzähler zu beschreiben“, sondern in der ganzen Symbolhaftigkeit eines Spiegels zu verwenden ^^.
    Dennoch gibt es Autoren, die einfach knallhart in den ersten Absatz eine Beschreibung einwerfen – z.B. Anne Rice – und deren Bücher ich dennoch liebe (und ja, damit meine ich konkret Anne Rice ^^).
    Wie so oft muss also auf die Frage ein „Kommt drauf an“ geantwortet werden, jedenfalls aus meiner Sichtweise.

    1. @Evanesca:
      Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich habe mir interessehalber mal das erste Buch von Harry Potter im englischen Original angeschaut.
      J. K. Rowling macht es auch so, dass die Personen (nahezu) komplett beschrieben werden, sobald sie das erste Mal in der Geschichte auftauchen. Allerdings tut sie das schon mit etwas Drumherum, also eher wie „Option 2“, wenn auch etwas literarisch ausgereifter 😉
      Was denkst du denn zu dem Punkt mit der Fantasie des Lesers? Wie viel würdest du ihm überlassen?

      1. Oh, auch wenn Rowling die Figuren scheinbar recht genau beschreibt – man lasse drei-vier HP-Leser mit einigermaßen ausgebildeten Zeichenfähigkeiten oder einem Sims2-Personengenerator mal die wichtigsten Haupt- oder ein paar nette Nebenfiguren erstellen und stelle fest… sie sehen bei jedem Leser immer noch anders genug aus.
        Das merkt man auch sehr schön bei Fanfictionschreibern, die z.B. Snapes Abenteuer ausschmücken wollen. Bei Einigen ist Snape noch gruseliger als im Buch, bei anderen widerum ein attraktiver Langhaariger.
        Man kann gar nicht so genau beschreiben, dass dem Leser nichts zum Fantasieren bleibt, irgendeine Lücke bleibt immer. Es sei denn, man schreibe eine Personenbeschreibung so genau aus, dass dabei sogar die Form und Größe der kleinen Halbmonde an den Fingernägeln beschrieben wird.
        Aber sowas will kein Mensch lesen, dagegen ist Beispiel 1 noch hochliterarisch.

  2. Also das mit Personenbeschreibungen ist wirklich so eine Sache. Oft ist weniger einfach mehr. Ein paar Akzente, die den Charakter bestimmen, reichen meist schon aus. Vieles kann man auch in Handlung packen. Manchmal passt es aber auch zu der Story, Figuren ausführlich zu beschreiben. Das begegnet mir aber eher selten. Häufig nerven mich ausufernde Personenbeschreibungen.

  3. Ich finde es immer wichtig, dass wenn man den personalen Erzähler wählt, man dabei auch bleibt. In einer Extremsituation wird keinem Charakter auffallen, dass er hellblond ist. Stattdessen sollte man sich immer überlegen, wann es für eine Figur schlichtweg logisch ist, dass sie eine bestimmte Äußerlichkeit an sich bemerkt. „War da etwa ein Fleck auf ihrem weißen Shirt?“ oder „Seit sie sich die Haare gefärbt hatte, fielen die hellblonden Strähnen im Duschabfluss kaum noch auf“ – hier lernt der Leser sogar mehrere Dinge. a) Sie ist hellblond, b) sie hat sich vor Kurzem die Haare gefärbt, c) sie ist nicht gerade reinlich, sondern stört sich nur an sichtbarem Dreck.
    Liebe Grüße
    Kerstin

    1. Da gebe ich dir Recht. Subtil eingestreute Hinweise auf Optik, verbunden mit Charakter sind auch in meinen Augen die (in den meisten Fällen) beste Variante. Ich habe bislang die meisten Äußerlichkeiten auch dem Gehirn des Lesers überlassen und das werde ich wohl auch so beibehalten 🙂

  4. Ich denke, dass es auf den Betrachter ankommt, sprich: wenn du beschreibst, dass Paul dort auf Katja wartet, so sollte die Personenbeschreibung anhand Beispiel 2 erfolgen. Wenn du Katja „begleiteset“, sie also aus ihrer Sicht dorthinkommen lässt, so wäre m. E. eher Beispiel 3 zutreffend.
    Wegen der Beschreibung als solche: Wenn Paul später zum Beispiel von der Polizei gesucht würde und ein Passant in diesem Zusammenhang eine Täterbeschreibung geben müsste, so wäre es sicher sinnvoll, ihm vorher all die Eigenschaften zuzuschreiben, die der Passant erwähnen könnte. Aber das ist nur meine persönliche Meinung. Es kommt halt eben auf verschiedene Faktoren an, pauschal kann man da nicht handeln.

    1. Das stimmt, pauschal wird man das nicht beantworten können. Aber neben der Situation im Buch kommt es auch immer auf den Geschmack des Lesers an. Manche mögen es ausführlicher, manche eher straff. Das lese ich zumindest aus den kontroversen Rückmeldungen zu einem anderen Textauszug von mir.

  5. Also ich denke ich habe den obrigen Antworten nicht wirklich etwas hinzuzufügen. Ich wollte nur anmerken auf die Problemstellung bezüglich „später die Fantasie zerstörende“ Beschreibungen, dass ich für solche Abschnitte ja das Korrekturlesen eben auch von anderen Personen sehr sinnvoll finde. Wenn einem dann so eine Stelle auf S.200 auffällt kann man es dann eben wieder anders schreiben. Im Beispiel ist es zum Beispiel für die Situation nicht notwendig zu schreiben, dass die Haare braun sind, sondern nur, dass sich Katja über Pauls Haare im Abfluss aufregt.
    Ein Tipp den ich jetzt von den Machern eines Videospiels habe, ist, dass man sich vorallem bei Personenbeschreibungen eine kurze Übersicht dazu erstellt, was man schon geschrieben hat, auch um Widersprüche in der Beschreibung auszuschließen.
    Und da kann man dann immer noch entscheiden wie viel Fantasie man seinen Lesern lässt. (Hat mir bei persönlich meinen eigenen Büchern sehr geholfen 🙂

    1. Hallo Into, danke für deinen Kommentar.

      Im Grunde stimmt es, dass die braune Haarfarbe in der Situation nicht notwendig wäre. Aber: Nehmen wir an, Katja hat eine Kurzhaarfrisur und braune Haare. Paul behauptet nun, dass es gar nicht seine Haare im Abfluss sind, sondern ihre. Voraussetzung, dass dies überhaupt plausibel sein könnte, ist, dass beide dieselbe Haarfarbe haben.
      Genauso könnte man jedoch auch die unterschiedliche Haarfarbe an solch einer Stelle für einen Streit nutzen, wenn Katja genau weiß, dass es nicht ihre Haare sein können.

      Die Idee mit den Notizen finde ich nicht verkehrt. Ich nutze die Personendatenbank von Papyrus und halte alle Eigenschaften fest, die ich für eine Person im Kopf habe, allerdings auch die, die nicht genannt werden. Eine Markierung, welche Dinge in der Geschichte explizit genannt werden, könnte durchaus hilfreich sein.

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